Cragganmore Distillers Edition (2006/2022)

Cragganmore Distillers Edition (2006/2022)

Heute machen wir etwas besonderes: einen Vergleich zwischen einer alten und einer neuen, nominell identischen Abfüllung. Nämlich die Cragganmore Distillers Edition.

Cragganmore Distillers Edition

Einleitung

Verglichen werden zwei Proben der Cragganmore Distillers Edition, einem Scotch Single Malt Whisky aus der Speyside (Schottland), abgefüllt von der Destillerie selbst bei 40 %. Es handelt sich um die jährlich erscheinende Distillers Edition mit doppelter Reifung, einmal „Double Matured in Ruby Port Wood“ und einmal „Double Matured in Port Seasoned American Oak“. Bemerkenswert ist hierbei der unterschiedliche Fassansatz: Während die ältere Abfüllung explizit Ruby-Port-Fässer nennt und damit eine klarere stilistische Herkunft des Weineinflusses nahelegt, basiert die neuere Abfüllung auf „Port Seasoned“ Fässern aus amerikanischer Eiche ohne nähere Angabe zum verwendeten Portstil. Daraus ergibt sich potenziell auch ein Unterschied im Holzeinfluss, da bei der älteren Variante zumindest teilweise europäische Eiche wahrscheinlich erscheint, während die neuere klar auf amerikanische Eiche verweist. Eine Abfüllung stammt aus einer älteren Ausgabe (Destilliert 1993, abgefüllt 2006, vermutlich 12 Jahre alt), die andere aus einer neueren Ausgabe ohne Altersangabe.

Für das Blindvergleichs-Tasting werden die beiden Proben neutral als Thomas (linkes Glas) und Heinrich (rechtes Glas) bezeichnet. Zu Beginn ist nicht bekannt, welche Probe die ältere bzw. die neuere Abfüllung ist. Ziel ist es, die Unterschiede rein sensorisch zu erfassen und anschließend eine Zuordnung entlang der Zeitachse vorzunehmen.

Thomas – Geruch – 87 Punkte

Die Nase zeigt einen insgesamt leicht diffusen, milden Eindruck mit dezent kitzelndem, leicht beizendem Alkohol. Zarte Fruchtaromen verbinden sich mit Holzanklängen. Milchschokolade mit Orange tritt hervor, begleitet von tropischen Früchten wie Mango und Ananas, die eher als gekochter Fruchtbrei erscheinen. Die Orangennote setzt wiederholt kleine Akzente, bleibt aber eingebettet in eine insgesamt wenig klar definierte Aromatik.

Thomas – Geschmack – 83 Punkte

Am Gaumen zeigt sich eine zurückhaltende Süße mit Orange, Holz und einem getreidigen Grundton. Eine leichte Bitterkeit ist vorhanden. Die Textur wirkt cremig, tendiert jedoch leicht ins Wässrige. Die Aromen bleiben insgesamt diffus und wenig präzise. Der Alkohol tritt leicht bissig hervor und stört die ansonsten milde Anlage minimal.

Thomas – Abgang – 81 Punkte

Der Abgang ist kurz und wird von bitteren Holzaromen getragen. Eine sehr zarte Orangennote schwingt im Hintergrund mit, bleibt jedoch kaum präsent.

Thomas – Gesamteindruck – 84 Punkte

Ein insgesamt solider, aber strukturell etwas fragmentierter Eindruck mit früher einsetzender Bitterkeit und begrenzter aromatischer Klarheit. Die Nase zeigt mehr Potenzial als Gaumen und Abgang, die schneller abfallen und weniger kohärent wirken.

Heinrich – Geruch – 88 Punkte

Die Nase ist süß und fruchtig mit spürbarer Intensität und kaum wahrnehmbarem Alkohol. Gezuckerte Erdbeeren und in Honig gebackene Ananas stehen im Vordergrund. Holz- und Getreidenoten bleiben dezent im Hintergrund. Eine rote Kirsche tritt klar hervor und verleiht der Aromatik zusätzliche Präzision.

Heinrich – Geschmack – 84 Punkte

Am Gaumen zeigt sich eine cremige Süße mit etwas Holz und einer alkoholischen Note. Die Fruchtnoten sind deutlich diffuser als in der Nase. Die Süße verschiebt sich in Richtung einer malzigen Ausprägung. Die Textur ist eher wässrig bei mittlerer Intensität. Die Frucht bleibt unscharf mit Anklängen von Kirschmus oder Hagebuttenmus.

Heinrich – Abgang – 84 Punkte

Der Abgang ist mittellang mit spürbarer Adstringenz und trocknender Wirkung, ohne stark bitter zu werden. Die Fruchtnoten klingen schnell ab, während Holz länger auf der Zunge verbleibt.

Heinrich – Gesamteindruck – 85 Punkte

Ein insgesamt stimmigerer und besser balancierter Eindruck mit klarerer Aromatik in der Nase und etwas harmonischerem Verlauf. Trotz ähnlicher Schwächen im Übergang zu Gaumen und Abgang wirkt die Struktur kohärenter und weniger kantig.

Direktvergleich

Heinrich zeigt die klarere und präzisere Aromatik sowie eine höhere aromatische Präsenz, während Thomas diffuser bleibt. In der Textur ist Thomas minimal cremiger, ohne dass dies stark ins Gewicht fällt. Die Alkoholintegration ist ähnlich, wobei Thomas leicht bissiger wirkt. Heinrich wirkt im Fassausdruck fruchtiger und süßer, während bei Thomas die Holzaromatik früher und mit mehr Bitterkeit einsetzt. In der Balance erscheint Heinrich geschlossener, während Thomas schneller kippt. Beide zeigen eine stärkere Nase im Vergleich zu Gaumen und Abgang, wobei Heinrich insgesamt gefälliger wirkt.

Präferenzurteil

Ich empfinde Heinrich als etwas besser.

Zeitachsen-Hypothese

Die strukturell ruhigere, klarere und besser integrierte Ausprägung wird der früheren Abfüllung zugeordnet, während die kantigere, früher ins Bittere kippende und weniger kohärente Variante der aktuellen Abfüllung entspricht.

Probe Zuordnung
Thomas aktuelle Abfüllung
Heinrich frühere Abfüllung