Zum Abschluss der Alt vs. Neu Vergleiche probiere ich einen Lagavulin 16, aus 2008 und 2024.
Lagavulin 16
Einleitung
Zum Abschluss der Reihe „Alt gegen Neu“ steht Lagavulin 16 im Glas, nach Cragganmore Distillers Edition 2006 gegen 2022, Clynelish 14 2010 gegen 2025 und Springbank 15 2004 gegen 2025. Es ist ein passender Schlusspunkt: ein Scotch Single Malt von Islay, 16 Jahre alt, mit 43 % Vol., gereift in Ex-Bourbon- und Sherryfässern, in zwei Abfüllungen aus unterschiedlichen Jahrzehnten, 2008 und 2024. Welche Probe aus welchem Jahr stammt, bleibt während der Verkostung offen. Wilhelm und Jacob zeigen beide die Farbe Safran; da bei diesem Standardwhisky eine einheitliche Farbgebung durch Zuckerkulör wahrscheinlich ist, bleibt die Farbe rein visuell und ohne Bedeutung für Geruch, Geschmack oder Zuordnung. Dieses letzte Tasting fühlt sich weniger wie ein Rätsel an als wie ein leiser Abschluss eines Experiments: nicht die Suche nach dem besseren Gestern, sondern nach dem, was im Glas tatsächlich bleibt.
Wilhelm – Geruch – 87 Punkte
In der Nase stehen Torf und Rauch zunächst deutlich vorne. Dieser erste Rauchimpuls bleibt nicht in seiner Anfangsstärke stehen, sondern macht Platz für eine fruchtige Süße, die mich an Orangenschokolade erinnert. Danach treten Malz und Getreide hervor, wieder begleitet von Rauch, sodass die Nase zwischen diesen Eindrücken hin und her pendelt. Gegen Ende zeigen sich leichte Anklänge von Jod und Krankenhaus. Der Alkohol ist gut eingebunden und kaum wahrnehmbar. Der Gesamteindruck darf maritim genannt werden, auch wenn mir das nicht als Erstes in den Sinn kommt.
Wilhelm – Geschmack – 86 Punkte
Am Gaumen wirkt Wilhelm zunächst milder, als ich erwartet hätte. Dann entwickeln sich Rauch, Röstaromen, Umami und erneut Rauch. Ein zarter Eindruck von Orange ist vorhanden, bleibt aber sehr zurückhaltend. Im zweiten Schluck zeigt sich etwas Pappiges, wie nasse Pappe, dazu kommen Getreideeindrücke. Das Mundgefühl ist cremig mit Tendenz zur Wässrigkeit. Der Rauch ist kräftig zu spüren, doch der Körper ist noch voll genug, um ihn nicht alles überlagern zu lassen. Stattdessen entsteht eher ein Gesamtkonstrukt, etwas wild, aber nicht auseinanderfallend.
Wilhelm – Abgang – 86 Punkte
Der Abgang ist mittel lang. Zurück bleiben vor allem Rauch, etwas Röstaromen und Getreide. Diese Eindrücke kleben noch etwas auf der Zunge und wirken dadurch präsenter, als es die reine Länge allein ausdrücken würde. Im Nachschmecken zeigt Wilhelm zudem die intensiveren Fruchtnoten im Vergleich zu Jacob.
Wilhelm – Gesamteindruck – 86 Punkte
Wilhelm wirkt auf mich insgesamt intensiver und dichter. Er ist nicht vollständig glatt, sondern etwas wilder, aber gerade dadurch natürlicher und unmittelbarer. Fassdominanz nehme ich nicht wahr; der Fasseinfluss ist vorhanden, aber nicht erdrückend, sondern begleitend und unterstreichend. Der Rauch trägt die Probe deutlich, doch er steht nicht isoliert im Raum. Wilhelm hat mehr Nachhall, mehr Frucht im Nachschmecken und eine offenere, weniger konstruierte Wirkung. Dass ich ihn zuerst probiert habe, könnte diesen Eindruck verstärkt haben, aber im direkten Erleben bleibt er die deutlich vollständigere Probe.
Jacob – Geruch – 86 Punkte
Jacob wirkt in der Nase zunächst recht verschlossen, mit nur leichten Noten von Getreide. Erstaunlich wenig Rauch zeigt sich zu Beginn, dafür ebenfalls etwas Orangenschokolade. Salz und Umami treten hinzu, außerdem ein etwas fleischiger Eindruck und eine zurückhaltende, aber bemerkbare Note von Schinken. Der Alkohol ist auch hier kaum wahrnehmbar. Mit der Zeit gewinnt Jacob etwas Tiefe, ohne dabei intensiver zu werden. Ein Hauch von Röstaromen weht mit entgegen.
Jacob – Geschmack – 84 Punkte
Am Gaumen ist die Textur eher wässrig. Die Aromen bleiben zurückhaltend: Röstaromen, etwas Orange, im zweiten Schluck etwas mehr Rauch und dazu Getreide. Außerdem zeigen sich etwas Bitterkeit und eine adstringierende Wirkung. Insgesamt lässt mich Jacob am Gaumen etwas ratlos zurück. Er wirkt nicht fehlerhaft, aber weniger greifbar, weniger tragend und weniger geschlossen als Wilhelm.
Jacob – Abgang – 84 Punkte
Der Abgang ist kurz, mit Tendenz zu mittel. Es bleiben hauptsächlich bittere Aromen zurück, allerdings ohne hohe Intensität. Dazu kommen ganz wenige Röstaromen und wenig Rauch. Die Eindrücke schweben eher auf der Zunge, als dass sie dort haften bleiben. Dadurch wirkt der Abgang weniger vollständig und weniger nachdrücklich als bei Wilhelm.
Jacob – Gesamteindruck – 85 Punkte
Jacob erscheint mir etwas ausbalancierter, aber auch konstruierter. Er ist ruhiger als Wilhelm, doch diese Ruhe bringt nicht mehr Tiefe, sondern eher Zurückhaltung. Fassdominanz nehme ich auch hier nicht wahr; der Fasseinfluss bleibt begleitend und nicht erdrückend. Im Vergleich stehen bei Jacob stärker die bitteren Aromen im Vordergrund, während Frucht, Rauch und Körper weniger dicht zusammenfinden. Er bleibt solide, aber weniger lebendig.
Direktvergleich
Im direkten Vergleich wirkt Wilhelm für mich ein ganzes Stück intensiver und dichter, auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass die Reihenfolge der Verkostung diesen Eindruck beeinflusst hat. Bei beiden Proben nehme ich keine Fassdominanz wahr; der Fasseinfluss ist vorhanden, aber unterstreichend und begleitend. Jacob wirkt etwas ausbalancierter, Wilhelm dagegen wilder. Gerade dadurch erscheint mir Jacob etwas konstruierter, während Wilhelm natürlicher wirkt. Im Nachschmecken zeigt Wilhelm die intensiveren Fruchtnoten, während bei Jacob eher bittere Aromen im Vordergrund stehen. Die Alkoholintegration ist bei beiden unauffällig gut, doch Wilhelm wirkt im Gesamtbild dichter und vollständiger.
Präferenzurteil
Ich bevorzuge Wilhelm klar. Zunächst war ich unschlüssig, ob Wilhelm nur etwas besser oder klar besser ist, aber nach kurzer Bedenkzeit fällt mein Urteil deutlich aus. Diese Präferenz bedeutet nicht automatisch, dass Wilhelm die ältere oder „bessere alte“ Abfüllung sein muss. Sie beschreibt nur mein sensorisches Erleben in diesem Tasting: Wilhelm gibt mir mehr Dichte, mehr Nachhall, mehr Natürlichkeit und mehr Spannung im Glas.
Zeitachsen-Hypothese
Meine verbindlich eingeloggte Zeitachsen-Hypothese lautet: Wilhelm ist die frühere Abfüllung, Jacob die aktuelle Abfüllung. Diese Festlegung fällt mir nicht leicht. Würde ich allein aus absoluter Sicherheit heraus urteilen, bliebe ein Rest Unbehagen, denn die Reihenfolge der Verkostung könnte den Eindruck von mehr Intensität und Dichte bei Wilhelm beeinflusst haben. Dennoch folge ich hier der analytischen Linie: Wilhelm zeigt mehr Körper, mehr natürlich wirkende Kohärenz, intensiveres Nachschmecken und weniger bitter-adstringierende Dominanz; Jacob wirkt kontrollierter, zurückhaltender und im Abgang weniger vollständig. Als Abschluss der gesamten Reihe bleibt damit kein triumphales „früher war alles besser“, sondern ein differenzierter Befund: Die Unterschiede sind real wahrnehmbar, aber nicht immer eindeutig zu datieren. Genau darin lag der Wert dieses Experiments.
| Probe | Zuordnung |
|---|---|
| Wilhelm | frühere Abfüllung |
| Jacob | aktuelle Abfüllung |